Tai Shan (Shandong): Auf dem Kopf des Welterschaffers

Das nächste Mal, dass ich das Bett verließ, war 5 Uhr – schließlich wollten wir den ersten Bus zurück nach Ming Shui erwischen. Fit wie ein Turnschuh ging es den gleichen Weg wie am Vortag nach Ji’nan zurück, wo wir schon um 08:30 Uhr den Bus nach Tai’an nehmen konnten. Heute sollte die Besteigung des Tai Shan auf dem Programm stehen, des Heiligsten der fünf taoistischen Berge. Der Legende nach soll er aus dem Kopf von Pan Gu entstanden sein, als dieser – nach der Erschaffung von Himmel und Erde – vor Erschöpfung starb. Neben Kaisern, Konfuzius („Die Welt ist klein“) und Mao („Der Osten ist rot“) wollten nun auch wir die Besteigung in Angriff und möglichst mit einem tiefsinnigen Zitat beenden.

Schnell alles Wichtige in den Tagesrucksack gepackt, den großen bis zum nächsten Tag am Bahnhof deponiert (20 RMB/St.) und in der Nähe zur Stärkung eine Portion „geschabte Nudeln“ gegessen – so langsam entwickelte sich das Gericht zu unserem Favoriten. Mit Bus Nr. 3 (wie immer pauschal 1 RMB) zum „Roten Tor“ [???] gefahren, dem Startpunkt für den populären Hauptaufstieg (Eintritt 125 RMB, Studenten 60 RMB). Dieser gestaltete sich wenig spektakulär, dafür aber als tödlich für die Kniegelenke: vor wenig abwechslungsreicher Kulisse galt es rund 6.600 Stufen zu überwinden, um die rund 1.000 Höhenmeter bis zum Gipfel zu bewältigen. Es gab zwar reichlich Kalligraphien und einige Tempel entlang des Weges, aber beides war für mich als Europäer nicht wirklich spannend.

Auf halber Strecke – wie üblich blumig durch das „mittlere Tor zum Himmel“ markiert – entschied sich Chen Nee für die knieschonende Abkürzung mit der Seilbahn (80 RMB). Zuvor wollten wir aber noch kurz rasten und entschieden uns für das kleine Restaurant vor Ort; wie sich schnell herausstellen sollte, die falsche Wahl: nicht nur verlangten sie für den günstigsten (Gingko-)Tee 100 RMB, der dann auch noch in Plastikbechern kam, sondern die Jian Bing waren erstens nicht frisch und zweitens lieblos mit Wurst gefüllt. Wir versuchten, uns unsere Laune dadurch nicht mies machen zu lachen und suchten Zuflucht im Sarkasmus: wir vertrieben uns die Zeit damit, einer Angestellten beim genussvollen Popeln zuzuschauen – die Frühlingszwiebeln zerkleinerte sie (im direkten Anschluss daran!) mit deutlich weniger Leidenschaft.

Nach diesem kulinarischen Tal machte ich mich auf die zweite Hälfte des Weges und nach insgesamt knapp 3,5 Stunden Gehzeit erreichte ich um 17 Uhr das „Südliche Tor des Himmels“, das den Beginn der Gipfelregion markiert. Ich war reif für eine heiße Dusche (die letzte Stunde war eine Qual gewesen), daher gleich das Xianju Hotel gesucht, das wir am Vortag telefonisch reserviert hatten (für sehr moderate 300 RMB). Chen Nee war schon da, so dass ich erst in die Dusche, dann ins warme Bett hüpfen konnte. Das Zimmer war überraschend gut, nur die Klimaanlage/Heizung ließ sich nicht zur Arbeit überreden und zeigte stattdessen lieber die Raumtemperatur von 14 Grad an. Gerade als wir überlegten, wie wir was zu essen bekommen ohne das warme Bett verlassen zu müssen, klopfte es und wir wurden gefragt, ob wir den Room-Service in Anspruch nehmen wollten. Klar wollten wir: Zucchini-Suppe, Chicken Wings, gebratene Auberginen und das obligatorische Bier (120 RMB) waren zwar kein kulinarisches Erlebnis, schmeckten aber auf dem Zimmer gleich noch mal so gut. Satt und matt krochen wir anschließend noch tiefer unter die Decke (immerhin war es „schon“ 19:30 Uhr) und schliefen sehr schnell sehr tief – wir mussten am nächsten Morgen schließlich früh aus dem Bett.

Fotos des Tages:

Erstellt am Sonntag 11. Oktober 2009
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Zhujiayu (Shandong): Regenerieren im mittelalterlichen Dorf

Andererseits eine Erfahrung, die man einmal (genau einmal) gemacht haben sollte, denn so hatte ich Gelegenheit die Freundlichkeit der Chinesen gegenüber „Langnasen“ am eigenen Körper zu erleben – kein Vergleich zu der Kuschelfahrt im „Soft Sleeper“. Ein junger Mann bestand darauf, dass ich seinen (bezahlten) Platz einnahm und stattdessen organisierte er sich erst einen anderen Platz und stand danach. Als das die Übrigen meiner Sechserbank (wie ich später festgestellt habe, wohl alle wie wir ohne Sitzplatzreservierung) das mitbekommen haben, wurde erst rotiert (der einzige, der immer saß, war ich), bis einer kurzerhand eine alte Zeitung auf dem Boden ausgebreitet und sich längs unter die Sitzbänke gelegt hat. Das hatten meine Mitreisenden wohl auch noch nicht erlebt. Irgendwann nachts stieg dann doch noch eine Frau mit Reservierung ei, so dass wieder ein Platz zu wenig war. Aber auch das ließ sich irgendwie lösen, obwohl ich vor lauter „hat eine Reservierung, sitzt aber auch einem anderen Platz, weil eine gebrechliche Oma auf seinem reservierten Platz sitzt“ bald nicht mehr durchgeblickt habe.

Chen Nee führte einige Meter weiter ihre eigenen Kämpfe, allerdings ohne „Langnasen“-Bonus. Es war nämlich wohl so, dass sich in dieses Abteil noch kein Europäer verirrt hatte, denn nachdem die anfängliche Scheu verflogen war, zeigten meine Banknachbarn ein reges Interesse daran, was ich denn schreibe und lese und aus was für einem Stoff meine Wanderhose besteht. Als ich dann beim Ausstieg auch noch den großen Trecking-Rucksack hervorholte, wurden die Augen so richtig groß.

Nach einem von Herzen kommenden Dank (geschlafen habe ich zwar keine Minute, aber die meiste Zeit konnte ich zumindest zwischen einer und zwei Arschbacken ausruhen) kamen wir um 5 Uhr sogar etwas früher als geplant in Ji’nan an und wurden vor dem Bahnhof wieder von mehreren Leuten angesprochen, die uns ihre Dienste anbieten wollten – und darauf hatten wir nach der Nacht im Zug nun überhaupt keine Lust. Also ab ins nächste chinesische „Diner“ und gegessen, was alle zu dieser frühen Stunde gegessen haben: eine Art „Langosch“  [You Tiao] mit einer Schüssel warmer Sojamilch, wahlweise natur oder leicht gesüßt. Mit dem Taxi (7,50 RMB) ging’s anschließend zum Busterminal und von dort mit dem Bus nach Ming Shui (13 RMB, alle 15 Minuten) und gleich in den nächsten Bus nach Zhujieyu (3,5 RMB, stündlich) – so dass wir gegen 9 Uhr tatsächlich wie geplant unser Tagesziel erreicht hatten. Irgendwie war ich selbst überrascht.

Nachdem wir den Deal eines mitreisenen Einheimischen angenommen und die Stadtmauern ohne Bezahlung der obligatorischen 15 RMB (dafür 10 RMB an ihn) passiert und ihm versprochen hatten, bei ihm im Laufe des Tages zum Essen vorbei zu schauen – wenn wir schon nicht sein Zimmer mieten wollten – gingen wir relativ zielstrebig durch eine Art Museumsdorf und dann eine Steinstraße entlang; an beiden Seiten gesäumt von alten Häusern in mehr oder minder gutem Zustand und alten Frauen, die wahlweise Webwaren, Obst, Getränke oder Skorpione verkauften. Die Plakate, die auf einige Einkehrmöglichkeiten hinwiesen, priesen neben Huhn und Fasan auch Waschbär und eine undefinierbare Insektenart an.

Als wir das vom Lonely Planet empfohlene Gucun Inn erspähten, checkten wir kurzerhand ein (60 RMB), um uns frisch zu machen und in ein paar saubere Klamotten zu wechseln. Die Zimmer waren so, wie man es für den Preis erwarten kann, aber zumindest war eine Toilette im Zimmer vorhanden und das Bett war sauber. Danach erklommen wir den Hügel zum nahen Kuixing Lou, einem taoistischen  Pavillon mit Statuen von Guan Yin und Guan Yu sowie einer Glocke, die man von dem „Mönch“ zur Erfüllung seiner Wünsche schlagen lassen kann.

Zurück im Dorf kamen wir an dem Gasthaus des Einheimischen vorbei, den wir bei unserer Anreise getroffen hatten, und kehrten ein. Der Hof ist wohl seit einer Fernsehproduktion selbst eine kleine Attraktion und das Essen, das uns der Besitzer und seine Frau gebrutzelt und im gemütlichen Innenhof serviert haben – Fasan, kaltes Rind mit Knobi-Dip und Gemüsepuffer, dazu Jasmin-Tee (75 RMB) – war mal eine ganz andere Geschmacksrichtung. Weil alles so einladend war – unserer Unterkunft fehlte es, wie Chen Nee es passend ausgedrückt hat, an „Herzchen“ (sprich Seele) – waren wir fast versucht, mit unserem Gepäck dorthin zu wechseln. Das ausgelagerte Gartenklo schreckte uns dann aber doch ab.

Auf dem Rückweg zu unserem „Inn“ kaufte Chen Nee noch eine Tischdecke und dann hieß es den entgangenen Schlaf nachzuholen uns sich für die Wanderung am nächsten Tag zu regenerieren: die Zeit von 15 Uhr bis zum nächsten Morgen habe ich ausschließlich im Bett verbracht.

Fotos des Tages:

Erstellt am Samstag 10. Oktober 2009
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