Shanghai: Gartenanlage und Wolkenkratzer

Spät ins Bett, früh wieder raus, hieß die Devise. Schließlich haten wir um 9 Uhr einen Termin mit unseren Schneidern im „Shiliu Puhong Qixiang“ Kleidermarkt. Bei einer von Chen Nees Jacken musste noch ein Reißverschluss geändert werden und auch mit meinem Anzug gab es diverse Diskussionen, bis der Kragen und die Knopflöcher so waren, wie wir uns das vorgestellt hatten – oder zumindest in etwa, denn 100% so gut wie beim Ausstellungsstück gefiel uns die Qualität und die Passform auch am Ende noch nicht. Bis alle Änderungswünsche umgesetzt waren, war es bereits Mittag – zwischenzeitlich hatten wir uns bereits eine Wan-Tan-Nudelsuppe genehmigt (wir hätten auch noch eine Portion „Chao He Fen“ gegesssen, aber die Dame wollte uns aus unerklärlichen Gründen nicht bedienen) und auch gleich einen Koffer für unsere Einkäufe erstanden (ein „Samsonite“ für schnell verhandelte – wir hatten es eilig – 250 RMB). Während Chen Nee danach noch die Buchläden in der „Fuzhou Road“ leerkaufte, füllte ich meinen Vitaminpegel an der Fruchtsaftthele o, Honyi Plaza auf und genehmigte mir danach eine Wiener Melange und  – mangels Eggtarts – einem Rote-Bohnen-Hörnchen.

Um 14 Uhr trafen wir Xiaoxing, den eigentlichen Grund für unseren zweiten Abstecher nach Shanghai. Ich hatte ihren Mann während meines NUS-Auslandssemesters kennengelernt und wie es der Zufall will, befand sie sich gerade auf dreiwöchigem „Heimaturlaub“ in Shanghai. Sie brachte uns zuerst zum „Tempel des Stadtgottes“ und anschließend über die „Zick-Zack-Brücke“ zum berühmtesten Garten der Stadt, „Yu Yuan“ – in früheren Jahrhunderten der Privatgarten der einflussreichen Pan-Familie.

Anschließend ging’s mit dem Taxi auf die andere Seite des Huang Pu, zur berühmten Sykline des Pudong-Stadtviertels (wörtlich übersetzt „östlich des Pu“), wo uns Xiaoxing zu regionalen Spezialiäten ins „Old Shanghai“ Restaurant einlud, direkt neben dem Oriental Pearl Tower gelegen – Wegbereiter für alle späteren Wolkenkratzer Pudongs und bis 2007 das höchste Gebäude in China. Bei Qualle, Mini-Aal, Rasiermessermuschel und Taschenkrebs ließen wir es uns so richtig gut gehen.

Gegen 19:30 Uhr brachen wir dann Richtung „Shanghai World Financial Centre“ (SWFC) auf, dem aktuellen Spitzenreiter in Sachen Höhe und mit einem Guinessbuch-Eintrag als Gebäude mit der höchsten Aussichtsplattform (474 Meter). Nach anfänglichen Protesten, dass mit dem japanischen Entwurf ein Messer ins (Feng Shui) Herz von Shanghai gestoßen wird, und Planänderungen, die aus dem runden – der japanischen Flagge ähnelnden – Loch ein rechteckiges machten (so dass das Ganze nun einem überdimensionalen Flaschenöffner ähnelt), wurde das SWFC 2007 nach zehnjährigerer Bauzeit fertig gestellt. Wir entschieden uns für einen Blick vom 94. Stock (423 Meter, 100 RMB); wer denkt ein paar Meter mehr machen da noch einen Unterschied, kann aber stattdessen auch den 100. Stock (150 RMB) besuchen. Dank der klaren Nacht war die Aussicht wunderschön: die Skyline auf der einen, Bund und Nanjing Road auf der anderen Seite.

Danach wurde es etwas hektisch, weil wir noch unserem Gepäck vom Hostel abhoen und dann um 21:28 Uhr den Nachtzug nach Beijing erreichen mussten – aber auch das klappte just in time. Der D-Zug war das Beste, was China zu bieten hat (ich habe auch bei uns noch keinen ICE mit Schlafwagen gesehen): 4er-Kabine wie gewohnt, aber mit eigenem Fernseher, Leselicht, Hausschuhen und ausreichend Platz – mit 700 RMB pro Person auch nicht gerade billig.

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Erstellt am Samstag 24. Oktober 2009
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Wuyuan (Jianxi): Zurück nach Shanghai

Am nächsten Morgen hieß es erst einmal Abschied nehmen: während Joyce und Yvonne den Bus in die „Porzellanstadt“ Jingdezhen und dann den Flieger nach Beijing nahmen, erkundeten wir zunächst noch eine Weile die Kleingärten und Wege rund um Qinghua, bis wir gegen Mittag den Bus nach Wuyuan (6 RMB, 30-minütig) nahmen und dort auch gleich Tickets für unser eigentliches Tagesziel Shanghai kauften (175 RMB). Da der Bus erst um 17:20 Uhr losfahren sollte, hatten wir noch genügend Zeit die an Sehenswürdigkeiten arme Stadt zu Fuß zu erkunden, uns im Supermarkt mit Proviant und einem 1996er „Great Wall“ Rotwein (130 RMB) einzudecken und anschließend im „Ming Tien Coffee Language“ mit Birnensaft, Haussandwich und kenianischem „Blue Mountain“-Kaffee (stolze 150 RMB) zu stärken.

Die sechsstündige Busfahrt über Hangzhou velrief relativ ereignislos und ließ sogar noch Zeit für eine kurze Toiletten- und Abendessenpause. Störend war lediglich, dass man die Fahrt beinahe voollständig in Dunkelheit verbrachte und außer Dösen keine sinnvolle Beschäftigung möglich war.

Um kurz nach 23 Uhr in Shanghais „Südlichem Busbahnhof“ angekommen, mussten wir ernüchtert feststellen, dass um diese Uhrzeit weder U-Bahn noch Buss fuhren und wir somit auf ein Taxi angewiesen waren. Die auf uns zukommenden Fahrer wiesen wir kopfschüttlend ab, als sie anfangs 99, am Ende noch 60 RMB für die Fahrt zu unserem Hostel im Stadtzentrum verlangten. Als wir dann aber in einem „offiziellen“ Taxi mit Meter saßen und den Yuans beim Hochzählen zusahen (über 70 RMB am Ende), mussten wir erkennen, dass die ersten Angebote so schlecht nicht gewesen waren.

Die beiden Betten im 4-Zimmer ohne Fenster, die wir bei unserem letzten Aufenthalt im „Ming Hiker Youth Hostel“ reserviert hatten, waren noch frei – leider als einzige Zimmer im gesamtem Hostel, so dass unser Wunsch, doch das Luxus-Doppelzimmer zu nehmen, nicht erfüllt werden konnte. Chen Nee stärkte sich mit einer Portion Instant-Nudeln, während ich den Abend mit einem Apfel und einem Tiger-Bier ausklingen ließ.

Nach akrobatischen Übungen (wie wechsle ich von normaler Kleidung in meinen Schlafanzug, ohne Wand und Boden zu berühren) in der – überraschend sauberen – Nasszelle fiel ich gegen 2 Uhr in einen viel zu kurzen Schlaf, der durch das Geräusch der Lüftung und der stickigen Luft nicht wirklich erholsam war. Aber wenigstens gaben die beiden Mädels in den unteren Kojen keinen Mucks von sich.

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Erstellt am Freitag 23. Oktober 2009
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Tongli (Jiangsu): Wasserdorf mit Sexmuseum

Der Zug nach Suzhou sollte erst um 10 Uhr fahren, Zeit genug also für sowas Ähnliches wie Ausschlafen und den „harten“ Weg mit der U-Bahn zum Bahnhof. Sogar für einen Besuch bei KFC reichte es. Der heutige D-Zug (27 RMB) ist vergleichbar mit unserem ICE, die K-Züge – mit denen wir es bisher zu tun hatten – entsprechen nach dieser Logik den ICs. Nach einstündiger Fahrt in Suzhou angekommen, ging es mit dem Touristenbus (8 RMB, alle 15 Minuten, zzgl. 80 RMB Eintritt) gleich weiter zu unserem eigentlichen Ziel des Tages, dem „Wasserdorf“ Tongli – auch noch mal eine knappe Stunde.

Das Dorf war den Umweg aber auf jeden Fall wert, denn auch wenn es rein vom Tourismus lebt, hat es noch einen Teil seines ursprünglichen Charmes bewahrt. Dieser zeigt sich insbesondere gegen Abend, wenn die Tagesausflügler von Suzhou und Shanghai das Dorf verlassen haben. Aus diesem Grund hatten wir auch eine Übernachtung im „Zhenfu Caotang“ vorgesehen, das nicht nur auf der Homepage eine gute Figut abgibt: ähnlich wie zu unserer Unterkunft in Beijing wurde ein alter Innenhof renoviert und in ein Hotel umfunktioniert. Unser Zimmer (300 RMB) hatte sogar eine Art chinesisches Himmelbett. Dazu waren die Betreiber supernett, haben uns eine Empfehlung für ein Restaurant und eine Teestube gegeben (und das, obwohl sie selbst Tee verkaufen) und waren auch sonst sehr herzlich. Wie wir es mittlerweile gewohnt waren, gab es im Zimmer eine große Thermoskanne mit heißem Wasser, diesmal jedoch auch (exzellenten) Tee.

Nach dem Einchecken bummelten wir etwas durch die engen Gassen und überquerten dabei etliche Kanäle, die sich durch das ganze Dorf ziehen. Die sich so ergebenden Inseln sind durch eine Vielzahl von Steinbrücken verbunden, so dass das Dorf seinen Spitznamen „Klein-Venedig“ durchaus zu recht erhalten hat.

Anschließend kehrten wir in das empfohlene Lokal „???“, nicht weit von unserem Hotel gelegen, ein. Zuerst war ich etwas skeptisch, aber die Schweinehaxe Tongli Style – ganz mürbe und mit einer dicken, süßlichen Soße – hat die Empfehlung voll und ganz gerechtfertigt. Das Tongli-Bier konnte zwar mit dem aus Qingdao oder Beijing nicht mithalten (war aber immerhin noch besser als das japanisch Asahi am Vortag mit seinem biestrigen Nachgeschmack), aber dafür konnte die Inhaberin ja nichts.

Derart gestärkt machten wir uns auf zum heimlichen Highlight von Tongli – Chinas erstem und einzigen Sex-Museum (20 RMB). Ursprünglich in Shanghai beheimatet, hat es nun im deutlich beschaulicheren Tongli seine Pforten geöffnet. Mit am Interessantesten sind die Skulpturen im idyllischen Garten, die von antiken Fruchtbarkeitsgöttern bis zu modernen Kunstwerken das gesamte Spektrum abdecken. Die eigentlichen Exponate sind in zwei Ausstellungspavillons untergebracht und zeichnen die (sex-)kulturelle Entwicklung in China der letzten 5.000 Jahre nach: von der frühzeitlichen Polygamie hin zur Einehe und schließlich der Emanzipation der Frau – die Tradition der gebundenen Füße und ausgeklügelte „Bestrafungssattel“ gaben ein lebhaftes Bild davon, welches Schicksal die Frauen in früheren Jahrhunderten erleiden mussten. Aber auch auf die Rolle der Homosexualität und anderer „Varianten“ wurde eingegangen.

Danach ging’s erstmal für eine Weile auf’s Zimmer zum Relaxen, was einem bei einer Tasse Tee in der abendlichen Brise des Innenhofs nicht wirklich schwer fiel. Danach noch ein bisschen gebummelt, durch das mittlerweile stimmungsvoll erleuchtete Dorf. Eine Kleinigkeit gegessen, allerdings weder preislich noch qualitativ mit dem leckeren Lunch vergleichbar (für den Tee verlangten sie bereits 40 RMB, ein sicheres Zeichen, dass es sich um „Nepp“ handelt). Anschließend zurück ins Zimmer und etwas in Konfuzius’ Lunyu gelesen (ein Mitbringsel aus Qufu) – harte Kost in Anbetracht der stellenweise recht holprigen Übersetzung ins Englische.

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Erstellt am Freitag 16. Oktober 2009
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Shanghai: Kommerz und Konsum

Der Wecker störte um 6 Uhr unseren Schlaf, wieder mal viel zu früh. Wir mussten auf jeden Fall unseren schon zu Hause gebuchten Flug nach Shanghai (China Eastern, 55 EUR) erwischen – 20 Minuten Frühstück (ordentliches Buffet) mussten also reichen. Fast genauso lange brauchte die Damen an der Rezeption zum Auschecken (jetzt wissen wir, was unser Lonely Planet mit „slow moving staff“ meint). Danach ins Taxi vor dem Hotel gesprungen, der uns zum nahe gelegenen Stop des Airport Shuttles bringen sollte. Es stellte sich heraus, dass der Stop einige Kilometer verlegt wurde und der Bus auch nicht 10, sondern 20 RMB pro Person kostet (alles nach Aussage des Taxifahrer) – lange Rede, kurzer Sinn: nach einigem hin und her („Wegen 10 Yuan diskutiert er so viel herum!“) fuhr er uns für 90 RMB direkt an den Flughafen – und das in einem Fahrstil, der so manchen Formel-Eins-Fahrer den Angstschweiß auf die Stirn getrieben hätte. Sehr schön war seine Erklärung, warum er ab und zu scheinbar grundlos auf der Gegenspur fuhr: um den fest montierten Blitzern auszuweichen – irgendwie nachvollziehbar.

Um 8:30 Uhr kamen wir also am Flughafen an, checkten ein und stellten ziemlich schnell fest, dass unsere Bedenken bzgl. inländischer Flüge völlig unnötig gewesen waren: In allen Aspekten, die man als Passagier beurteilen kann, braucht der Terminal und später auch das Flugzeug den Vergleich mit deutschen Standards (und ich meine damit eher Frankfurt/Main als Frankfurt-Hahn!) nicht scheuen – vielleicht hängt aber auch das mit Olympia 2008 zusammen.

Nach einem zweiten Frühstück an Bord sind wir nach gut einstündigem Flug um 11:15 Uhr in Shanghai Honqiao (dem kleineren der beiden Stadtflughäfen, leider der ohne Transrapid-Anbindung) angekommen und gleich in Bus 925 Richtung „Renmin Square“ gefahren – war vielleicht nicht die cleverste Idee, denn der Bus brauchte ewig. Aber immerhin, wir waren da. Weiter mit dem Taxi zu unserer ersten Anlaufstelle für ein Zimmer: das „Ming Hiker Youth Hostel“. Zentral gelegen und auch mit einigen „Deluxe Doppelzimmern“ (300 RMB) ausgestattet, auf die wir es abgesehen hatten. Das Zimmer  war völlig in Ordnung und auch das Bad – mittlerweile ein entscheidendes Kriterium bei der Zimmerwahl – machte einen guten Eindruck.

Erst einmal Gepäck abgeladen, dann wollten wir erst einmal Nägel mit Köpfen machen: Hotel für den nächsten Tag reservieren, Bargeld abheben und gleich auch noch Ticket für alle anstehenden Zugfahrten besorgen. Dank der guten Lage und den hilfreichen Infos im Hostel ging alles sehr flott, so dass wir gegen 15 Uhr ein Taxi zum „Schneiderparadies“ Shi Liu Pu nehmen konnten: Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte von Kleinstläden, die sich alle auf maßgeschneiderte Kleidung spezialisiert hatten. Chen Nee wollte sich günstig eine gefütterte Jacke schneidern lassen, aber nach kurzer Zeit fand auch ich einen Anzug, der schon von der Stange klasse aussah: sehr guter Stoff und vor allem interessanter, weil chinesisch angehauchter, Schnitt (im Nachhinein wurde mir gesagt, das einzige Chinesische an dem Anzug sei der „Mandarin-Kragen“). Nach kurzem Feilschen (in den höher gelegenen und damit weniger frequentierten Ständen geht’s bestimmt noch deutlich günstiger) einigten wir uns auf 600 RMB inkl. einem Hemd – in einer Woche sollten wir zur Anprobe kommen. Nachdem das Geld vom Mittag schon wieder weg war, machte ich mich auf in den Kampf mit den Formularen und wechselte noch einige Euro.

Da wir noch etwas von Shanghai sehen wollten, machten wir uns zu Fuß Richtung Bund auf – einer Straße mit imposanten Gebäuden aus den 1930er Jahren, die allerdings eher einer Großbaustelle als einer Attraktion glich: EXPO 2010 lässt grüßen. Also weiter zur Nanjing Road; der Einkaufsmeile, die zu den größen Sehenswürdigkeiten zählt (bezeichnend für den touristischen Wert Shanghais): Menschenmengen, die sich unter den von Leuchtreklamen erleuchteten Himmel dem Kommerz und Konsum hingeben. Und wenn man den Eindruck erweckte, solo zu sein, bekommt man auch gleich Angebote gemacht, seine fleischlichen Gelüste zu stillen – entweder direkt („Do you want massage?“) oder indirekt (von vermeintlichen Englischstudentinnen, die es bei dem Satz „My wife is over there“ plötzlich sehr eilig haben).

Wir hatten zwar schon unterwegs von zwei Straßenständen kleinere Snacks genascht, brauchten aber auch mal wieder was Richtiges zwischen die Zähne. Im Untergeschoss des „Honyi Plaza“  wurden wir schließlich fündig: erst ein frisch gepresster Kiwi-Birnensaft, dann in der hippen japanischen Kette „Ajisen Ramen“ Kimchi, Chicken Wings sowie eine Nudelsuppe mit Muscheln und zum Schluss ein sehr feines (Delikatess-)Mochi (5 RMB) und ganz zum Schluss noch zwei exzellente portugiesische Eiertörtchen vom Stand gegenüber. Satt, zufrieden und müde machten wir uns auf den Rückweg zum Hotel und schliefen den Schlaf der Gerechten.

Fotos des Tages:

Erstellt am Donnerstag 15. Oktober 2009
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