Qingdao (Shandong): Deutschland lässt grüßen

Nach knapp zwei Stunden Warten, kam unser Zug – wie eigentlich immer fast pünktlich und von gewohnter Güte. Die Wartezeit verbrachten wir damit zu philosophieren, ob jedes Volk erst einmal zum guten Benehmen erzogen werden muss, oder nicht. Anlass zur Diskussion gab der Wartende hinter uns, der in regelmäßigen Abständen das Rotz- und Spuckritual praktizierte, das man hier an jeder Straßenecke beobachten kann: Rotz aus der Tiefe des Körpers nach oben befördern, im Mund sammeln und  – ganz wichtig – richig positionieren, um das ganze Paket dann geraume Zeit später gezielt auf eine geeignete Stelle am Boden zu spucken.

Die geeignete Stelle war in diesem Fall die Wartehalle am Bahnhof, so dass sich mit der Zeit immer mehr Pfützchen vor ihm sammelten. Es kann Zufall sein, aber in den teureren Schlafwägen war diese Angewohnheit überhaupt nicht nzutreffen, so dass sich auch in den unteren Kojen sorgenfrei schlafen ließ.

Gegen 8:30 Uhr kam unser Zug schließlich in Qingdao an, berühmt für sein Bier, seine Strände und seine deutsche Kolonialvergangenheit – und genau das waren die Grünede für unseren Besuch. Vom Bahnhof aus erst einmal an den gewohnt aufdringlichen Tour-/Hotel-/Souvenir-Anbietern vorbei, dann zu Fuß Richtung Strandpromenade und nach einem knappen Kilometer war unser Ziel, das „Prince Hotel“ (früher „Prinz Heinrich“-Hotel) erreicht. Begeistert eingecheckt, denn die 400 RMB für einen „Distinguished Room“ erwiesen sich als echtes Schnäppchen (bestes Preis-Leistungsverzeichnis bisher). Schließlich kostete das Hotel in Qufu vom Vortag genauso viel, mit dem Unterschied dass hier die 4-Sterne im heutigen Hotel deutlich angebrachter gewesen wären.

Ein bisschen Wäsche gewaschen und anschließend die Gutscheine für einen Kaffee oder Tee in der im obersten Stock gelegenen Hotelbar eingelöst – tolle Aussicht, nettes Ambiente, aber vollkommen ausgestorben. Dazu noch ein Sandwich mit Schinken und eine Blaubeer-Waffel (zusammen mit einem zweiten Café 85 RMB) und wir waren bereit für die Stadt. Erstes Ziel sollte der von unserem Lonely Planet gerühmte Strand Shilouren im Osten der Stadt sein. Bus 804 direkt vor dem Hotel ging genau dort hin, allerdings durch die vielen Stopps im Schneckentempo. Erst nach rund 1-stündiger Fahrt waren wir am Ziel. Von „feinstem Sandstrand“ allerdings keine Spur, sondern stattdessen ein Golfplatz – kein Zutritt.

Als wieder einige Stopps zurück und endlich – Sand unter den Füßen. Ob das der Strand war, den wir gesucht hatten, haben wir bis zum Ende nicht erfahren, ist aber eigentlich auch egal: gemütlich schlenderten wir entlang der Küste erst in die eine, dann die andere Richtung, passierten einige Angler und geossen das schöne Wetter. Wie beinahe jeden Tag war auch heute strahlender Sonnenschein zu vermelden und das auch bei deutlich sauberer Luft  als am Tag zuvor in Qufu – wenngleich sich der direkt hinter der Stadt gelegene Fu Shan nur wie durch einen Schleier hinter der Skyline abzeichnete.

Danach ging’s mit dem Bus wieder Richtung Stadtzentrum und zu Fuß erkundeten wir die „deutsche“ Architektur Qingdaos: protestantische und katholische Kirche, Palast des Gouverneurs (mittlerweile ein Museum, also nur von weitem gesehen), dazwischen Fachwerkhäuser – alles relativ unspektakulär, wenn es eben nicht China gewesen wäre.

Da keine freien Taxis zu ergattern waren, nahmen wir Bus Nr. 1 ins neu geschaffene „Touristenzentrum“ (wahrscheinlich anlässlich der Olympischen Spiele 2008, deren Segelwettbewerbe in Qingdao ausgetragen wurden). Nachdem die „Delikatessenstraße“ entweder noch nicht oder nicht mehr ihren Namen verdient, wählten wir eines der vielen Restaurants in der angrenzen „Bierstraße“: Den deutschen Gründern der Tsingtao-Brauerei (damals noch unter dem Namen Germania) würde es warm um’s Herz, wenn sie erlebten, mit welcher Leidenschaft die Einwohner Qingdaos ihr Bier behandeln – es gibt jährlich ein großes Oktoberfest, Brauereiführungen uns seit neuestem eben auch eine Straße, die dem Getränk gewidmet ist. Unsere Wahl erwies sich jedenfalls als goldrichtig, denn die Venusmuscheln, die Aubergine mit Hühnchen sowie die Flusskrebse (Zwischenform von Hummer und Garnele) waren durch die Bank klasse – dazu noch einen halben Krug „Tsingtao naturtrüb“ [???] frisch vom Fass und es ging uns blendend (80 RMB).

Mit dem Taxi zurück, und noch einen Verdauungsspaziergang zum etwas vorgelagerten Leuchtturm unternommen, der seinen Namen „Xiao Qingdao“ (also „Kleine grüne Insel“) zur Abwechslung mal vollkommen zu recht trägt. Nachdem wir anschließend fast eine Stunde erfolglos mit dem hoteleigenen Internet-PC (20 RMB) nach einem Hotel für den nächsten Tag gesucht hatten, genehmigten wir uns noch an der Hotelbar einen Absacker – natürlich ein Tsingtao.

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