Tongli (Jiangsu): Wasserdorf mit Sexmuseum

Der Zug nach Suzhou sollte erst um 10 Uhr fahren, Zeit genug also für sowas Ähnliches wie Ausschlafen und den „harten“ Weg mit der U-Bahn zum Bahnhof. Sogar für einen Besuch bei KFC reichte es. Der heutige D-Zug (27 RMB) ist vergleichbar mit unserem ICE, die K-Züge – mit denen wir es bisher zu tun hatten – entsprechen nach dieser Logik den ICs. Nach einstündiger Fahrt in Suzhou angekommen, ging es mit dem Touristenbus (8 RMB, alle 15 Minuten, zzgl. 80 RMB Eintritt) gleich weiter zu unserem eigentlichen Ziel des Tages, dem „Wasserdorf“ Tongli – auch noch mal eine knappe Stunde.

Das Dorf war den Umweg aber auf jeden Fall wert, denn auch wenn es rein vom Tourismus lebt, hat es noch einen Teil seines ursprünglichen Charmes bewahrt. Dieser zeigt sich insbesondere gegen Abend, wenn die Tagesausflügler von Suzhou und Shanghai das Dorf verlassen haben. Aus diesem Grund hatten wir auch eine Übernachtung im „Zhenfu Caotang“ vorgesehen, das nicht nur auf der Homepage eine gute Figut abgibt: ähnlich wie zu unserer Unterkunft in Beijing wurde ein alter Innenhof renoviert und in ein Hotel umfunktioniert. Unser Zimmer (300 RMB) hatte sogar eine Art chinesisches Himmelbett. Dazu waren die Betreiber supernett, haben uns eine Empfehlung für ein Restaurant und eine Teestube gegeben (und das, obwohl sie selbst Tee verkaufen) und waren auch sonst sehr herzlich. Wie wir es mittlerweile gewohnt waren, gab es im Zimmer eine große Thermoskanne mit heißem Wasser, diesmal jedoch auch (exzellenten) Tee.

Nach dem Einchecken bummelten wir etwas durch die engen Gassen und überquerten dabei etliche Kanäle, die sich durch das ganze Dorf ziehen. Die sich so ergebenden Inseln sind durch eine Vielzahl von Steinbrücken verbunden, so dass das Dorf seinen Spitznamen „Klein-Venedig“ durchaus zu recht erhalten hat.

Anschließend kehrten wir in das empfohlene Lokal „???“, nicht weit von unserem Hotel gelegen, ein. Zuerst war ich etwas skeptisch, aber die Schweinehaxe Tongli Style – ganz mürbe und mit einer dicken, süßlichen Soße – hat die Empfehlung voll und ganz gerechtfertigt. Das Tongli-Bier konnte zwar mit dem aus Qingdao oder Beijing nicht mithalten (war aber immerhin noch besser als das japanisch Asahi am Vortag mit seinem biestrigen Nachgeschmack), aber dafür konnte die Inhaberin ja nichts.

Derart gestärkt machten wir uns auf zum heimlichen Highlight von Tongli – Chinas erstem und einzigen Sex-Museum (20 RMB). Ursprünglich in Shanghai beheimatet, hat es nun im deutlich beschaulicheren Tongli seine Pforten geöffnet. Mit am Interessantesten sind die Skulpturen im idyllischen Garten, die von antiken Fruchtbarkeitsgöttern bis zu modernen Kunstwerken das gesamte Spektrum abdecken. Die eigentlichen Exponate sind in zwei Ausstellungspavillons untergebracht und zeichnen die (sex-)kulturelle Entwicklung in China der letzten 5.000 Jahre nach: von der frühzeitlichen Polygamie hin zur Einehe und schließlich der Emanzipation der Frau – die Tradition der gebundenen Füße und ausgeklügelte „Bestrafungssattel“ gaben ein lebhaftes Bild davon, welches Schicksal die Frauen in früheren Jahrhunderten erleiden mussten. Aber auch auf die Rolle der Homosexualität und anderer „Varianten“ wurde eingegangen.

Danach ging’s erstmal für eine Weile auf’s Zimmer zum Relaxen, was einem bei einer Tasse Tee in der abendlichen Brise des Innenhofs nicht wirklich schwer fiel. Danach noch ein bisschen gebummelt, durch das mittlerweile stimmungsvoll erleuchtete Dorf. Eine Kleinigkeit gegessen, allerdings weder preislich noch qualitativ mit dem leckeren Lunch vergleichbar (für den Tee verlangten sie bereits 40 RMB, ein sicheres Zeichen, dass es sich um „Nepp“ handelt). Anschließend zurück ins Zimmer und etwas in Konfuzius’ Lunyu gelesen (ein Mitbringsel aus Qufu) – harte Kost in Anbetracht der stellenweise recht holprigen Übersetzung ins Englische.

Fotos des Tages:

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Admin | Reiseblog anlegen | Plane Deine eigene Weltreise