Shanghai: Kommerz und Konsum

Der Wecker störte um 6 Uhr unseren Schlaf, wieder mal viel zu früh. Wir mussten auf jeden Fall unseren schon zu Hause gebuchten Flug nach Shanghai (China Eastern, 55 EUR) erwischen – 20 Minuten Frühstück (ordentliches Buffet) mussten also reichen. Fast genauso lange brauchte die Damen an der Rezeption zum Auschecken (jetzt wissen wir, was unser Lonely Planet mit „slow moving staff“ meint). Danach ins Taxi vor dem Hotel gesprungen, der uns zum nahe gelegenen Stop des Airport Shuttles bringen sollte. Es stellte sich heraus, dass der Stop einige Kilometer verlegt wurde und der Bus auch nicht 10, sondern 20 RMB pro Person kostet (alles nach Aussage des Taxifahrer) – lange Rede, kurzer Sinn: nach einigem hin und her („Wegen 10 Yuan diskutiert er so viel herum!“) fuhr er uns für 90 RMB direkt an den Flughafen – und das in einem Fahrstil, der so manchen Formel-Eins-Fahrer den Angstschweiß auf die Stirn getrieben hätte. Sehr schön war seine Erklärung, warum er ab und zu scheinbar grundlos auf der Gegenspur fuhr: um den fest montierten Blitzern auszuweichen – irgendwie nachvollziehbar.

Um 8:30 Uhr kamen wir also am Flughafen an, checkten ein und stellten ziemlich schnell fest, dass unsere Bedenken bzgl. inländischer Flüge völlig unnötig gewesen waren: In allen Aspekten, die man als Passagier beurteilen kann, braucht der Terminal und später auch das Flugzeug den Vergleich mit deutschen Standards (und ich meine damit eher Frankfurt/Main als Frankfurt-Hahn!) nicht scheuen – vielleicht hängt aber auch das mit Olympia 2008 zusammen.

Nach einem zweiten Frühstück an Bord sind wir nach gut einstündigem Flug um 11:15 Uhr in Shanghai Honqiao (dem kleineren der beiden Stadtflughäfen, leider der ohne Transrapid-Anbindung) angekommen und gleich in Bus 925 Richtung „Renmin Square“ gefahren – war vielleicht nicht die cleverste Idee, denn der Bus brauchte ewig. Aber immerhin, wir waren da. Weiter mit dem Taxi zu unserer ersten Anlaufstelle für ein Zimmer: das „Ming Hiker Youth Hostel“. Zentral gelegen und auch mit einigen „Deluxe Doppelzimmern“ (300 RMB) ausgestattet, auf die wir es abgesehen hatten. Das Zimmer  war völlig in Ordnung und auch das Bad – mittlerweile ein entscheidendes Kriterium bei der Zimmerwahl – machte einen guten Eindruck.

Erst einmal Gepäck abgeladen, dann wollten wir erst einmal Nägel mit Köpfen machen: Hotel für den nächsten Tag reservieren, Bargeld abheben und gleich auch noch Ticket für alle anstehenden Zugfahrten besorgen. Dank der guten Lage und den hilfreichen Infos im Hostel ging alles sehr flott, so dass wir gegen 15 Uhr ein Taxi zum „Schneiderparadies“ Shi Liu Pu nehmen konnten: Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte von Kleinstläden, die sich alle auf maßgeschneiderte Kleidung spezialisiert hatten. Chen Nee wollte sich günstig eine gefütterte Jacke schneidern lassen, aber nach kurzer Zeit fand auch ich einen Anzug, der schon von der Stange klasse aussah: sehr guter Stoff und vor allem interessanter, weil chinesisch angehauchter, Schnitt (im Nachhinein wurde mir gesagt, das einzige Chinesische an dem Anzug sei der „Mandarin-Kragen“). Nach kurzem Feilschen (in den höher gelegenen und damit weniger frequentierten Ständen geht’s bestimmt noch deutlich günstiger) einigten wir uns auf 600 RMB inkl. einem Hemd – in einer Woche sollten wir zur Anprobe kommen. Nachdem das Geld vom Mittag schon wieder weg war, machte ich mich auf in den Kampf mit den Formularen und wechselte noch einige Euro.

Da wir noch etwas von Shanghai sehen wollten, machten wir uns zu Fuß Richtung Bund auf – einer Straße mit imposanten Gebäuden aus den 1930er Jahren, die allerdings eher einer Großbaustelle als einer Attraktion glich: EXPO 2010 lässt grüßen. Also weiter zur Nanjing Road; der Einkaufsmeile, die zu den größen Sehenswürdigkeiten zählt (bezeichnend für den touristischen Wert Shanghais): Menschenmengen, die sich unter den von Leuchtreklamen erleuchteten Himmel dem Kommerz und Konsum hingeben. Und wenn man den Eindruck erweckte, solo zu sein, bekommt man auch gleich Angebote gemacht, seine fleischlichen Gelüste zu stillen – entweder direkt („Do you want massage?“) oder indirekt (von vermeintlichen Englischstudentinnen, die es bei dem Satz „My wife is over there“ plötzlich sehr eilig haben).

Wir hatten zwar schon unterwegs von zwei Straßenständen kleinere Snacks genascht, brauchten aber auch mal wieder was Richtiges zwischen die Zähne. Im Untergeschoss des „Honyi Plaza“  wurden wir schließlich fündig: erst ein frisch gepresster Kiwi-Birnensaft, dann in der hippen japanischen Kette „Ajisen Ramen“ Kimchi, Chicken Wings sowie eine Nudelsuppe mit Muscheln und zum Schluss ein sehr feines (Delikatess-)Mochi (5 RMB) und ganz zum Schluss noch zwei exzellente portugiesische Eiertörtchen vom Stand gegenüber. Satt, zufrieden und müde machten wir uns auf den Rückweg zum Hotel und schliefen den Schlaf der Gerechten.

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